|
Umgang mit Geschichte heißt
Umgang mit Menschen. Das gilt ganz besonders in Österreich,
wo die historische Erinnerung wesentlich von den Verbrechen
des Nationalsozialismus und des Totalitarismus bestimmt
ist. Umgang mit Geschichte heißt, nicht sich
darauf beschränken, schildern zu wollen, wie
es war, sondern die Vergangenheit hervorzurufen und
zu zeigen, wie die Vergangenheit in die Gegenwart
übergeht. Verantwortung in diesem Zusammenhang
bedeutet Bürgerinnen und Bürgern ein wahrhaftiges
und genaues Bild österreichischer Geschichte
- zumal unter dem Nationalsozialismus - zu vermitteln,
um so zu verdeutlichen, daß bestimmte Äußerungen
und Begriffe Ängste schüren und Gewalt auslösen
können.
Die weit verbreitete Verweigerung,
Vergangenheit aufzuarbeiten, hat in Österreich
jenen den Weg freigemacht, die mit den Fakten der
Geschichte zu jonglieren versuchen. Die ,ordentliche
Beschäftigungspolitik" des Dritten Reiches, die
eindeutige Buchstabierung des Wortes NAZI, die Ulrichsbergtreffen
und die Ehrenerklärungen gegenüber ehemaligen
SS-Angehörigen in Krumpendorf spiegeln nicht
nur die bedenklichen Einstellungen mancher Politiker
wieder. Sie bedeuten die schrittweise Relativierung
der Verbrechen des Nationalsozialismus und verhindern
damit die Entstehung eines Grundkonsenses im Umgang
mit unserer eigenen Geschichte. Wir werden nicht zulassen,
daß die Leiden der Opfer verharmlost werden
und die Täter von damals nicht als Schuldige,
sondern als ehrenhafte und gesinnungstreue Bürger
gelten. Mangelnde Sensibilität im Umgang mit
Geschichte und Menschen ist im Diskussionsprozeß
um die Beschlußfassung des Operfürsorgegesetzes
und letztlich auch in der fehlenden Auseinandersetzung
in der ÖVP um die Wahl des dritten Nationalratspräsidenten
zum Vorschein gekommen.
|
Zwischen der Friedensordnung Europas
und einer europäischen Kultur des Gedächtnisses
besteht ein unmittelbarer Zusammenhang. Wer das eine
in Frage stellt, gefährdet auch das andere. Wenn
Walter Benjamin davon gesprochen hat, daß auch
die Toten vor Verfolgung nicht sicher sind, dann stand
dabei die Vorstellung im Vordergrund, daß nur
eine Kultur des Gedenkens zukünftiges Leid verhindert.
Wir verurteilen jede Verharmlosung oder
Instrumentalisierung der Geschichte und wollen immer
dort Widerstand leisten, wo gehetzt, aber auch Hetze
geduldet wird. Wir wehren uns dagegen, wenn eine radikalisierte
Sprache heute wieder Minderheiten als Sündenböcke
brandmarkt. Sind diese Menschen in ihrer Hautfarbe,
Religion oder Kultur körperlich und ideologisch
fixiert, haben Täter ein leichtes Spiel.
Verantwortung im Umgang mit der Geschichte
heißt daher zweierlei: Toleranz und Sensibilität
den Menschen nahezubringen, um ihnen zu zeigen, was
die letzte Konsequenz von bestimmten Äußerungen
und Denkweisen bedeutet, und eine Kultur zu pflegen,
die das Gedenken gegen das Vergessen mobilisiert.
|